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Netzwerkforum Handelslogistik.NRW 2026: Betriebliche und energetische Transformation und der Einsatz KI-basierter Technologien bleiben trotz der aktuellen Volatilitäten und Unsicherheiten zentrale Themen der Handelslogistik in 2026

Ralf Düster, Vize-Präsident des LOG-IT Clubs als Trägerverein des kompteneznetzes Logisik.NRW begrüßte am 9. März über 60 Entscheiderinnen und Entscheider aus der Logistik zum 20. NetzwerkForum HandelsLogistik.NRW des Kompetenznetzes. Gastgeberin des diesjährigen Forums war die Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen zu Münster. Dabei betonte Ralf Düster, dass die Branche wie der Standort Deutschland insgesamt zwar derzeit besondere geopolitische und auch wirtschaftliche Herausforderungen habe. Dennoch sei es unverändert wichtig und von strategischer Bedeutung, sich mit der Zukunft der HandelsLogistik.NRW, insbesondere dem heutigen Thema „Klimaeffizienz und Märkte – Wo stehen wir“ zu beschäftigen.

Dr. Christoph Kösters, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Verkehrswirtschaft und Logistik NRW und Manager des Kompetenznetzes moderierte die erste Gesprächsrunde. Dr. Jana Burchard berichtete als Geschäftsbereichsleiterin Branchen und Infrastruktur der IHK zu Münster über die Herausforderungen für die Handelslogistik in ihrer Region. Dazu gehörten insbesondere für den stationären Handel die Transformation bzw. Attraktivität der Innenstädte, die aufkommenden neuen Geschäftsmodelle im Handel einschließlich der E-Commerce-Plattformen, Infrastrukturfragen wie die Sanierung der Verkehrswege oder die Flächenverfügbarkeiten und die Spannungen in der internationalen Handelspolitik. Dr. Oliver Breiden, Leiter des Referates Handel, Dienstleistung und Logistik des Ministeriums für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, richtete die herzlichen Grüße der Ministerin aus. Ihn beschäftigten derzeit u.a. die Transformation der Wirtschaft und des Handels sowie die Vereinbarkeit mit den Klimaschutzthemen. Auch die aktuelle Lage hinsichtlich der Kraftstoffpreisentwicklung in Folge des Iran-Kriegs sei ein Thema. Hier hätte z.B. der NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer aktuell die Nutzung der strategischen nationalen Ölreserven für eine Marktstabilisierung ins Spiel gebracht.

In der anschließenden Podiumsrunde „Aktuelle Politik und Märkte – Themen im Handel“ war ein Thema der Boom chinesischer Online-Plattformen in Deutschland und Europa und die dadurch ausgelösten Bewegungen auf dem NRW-Logistikimmobilienmarkt. Berichtet wurde hier von starker Nachfrage dieser Akteure nach Vor-Ort-Fulfillment-Hallenflächen zur Nutzung mit eigenen Kapazitäten. Ralf Düster sieht hier durchaus eine spezielle Logistik-Strategie und ein besonderes Interesse an Logistikprozessen in Deutschland. Dr. Jana Burchard wies auf die Positionen des DIHK zum Thema chinesische Online-Plattformen und den dadurch nicht fairen Wettbewerb, nicht zuletzt in Bezug auf Steuern/Einfuhrumsatzsteuer und Umweltaspekte, hin. Für Rainer Gallus, Geschäftsführer des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen e.V., gehen die Beschlüsse der EU vom Dezember 2025  für bestimmte Waren (Anpassung der Warenwertgrenze von derzeit 150,- € für zollfreie Importe in 2028, Einführung eines Pauschalzolls von 3 € je Position ab Mitte 2026 bis 1. Juli 2028 und evtl. eine zusätzlich Zoll-Bearbeitungsgebühr für Pakete mit geringem Warenwert) zwar in die richtige Richtung, er würde sich hier nur ein größeres Tempo wünschen. Dieses Thema beschäftige auch sein Haus, so Dr. Oliver Breiden, das Land könne aber nur über den Bund Einfluss nehmen. Für die Politik sei es hier auch eine Herausforderung, sich bei dem Thema gegen die sich stark entwickelnde Nachfrage (= gegen viele Konsumenten) nach der Nutzung solcher Plattformen zu stemmen, die offenbar die Angebote annehme.

Gefragt nach den zentralen Themen und Herausforderungen verwies Dr. Oliver Breiden auf die derzeit hoch volatile Lage auf Märkten bei einer für ihn noch erstaunlich relativ stabilen, wenngleich auch nicht wachsenden Konsumnachfrage. Hinzu komme die derzeitige Preissituation bei fossilen Kraft- und Brennstoffen, was vielleicht auch ein weiterer kleiner Schub für die energetische Transformation sein könne. Ralf Düster sah die derzeitige geopolitische Situation mit ihren Folgen für die Wertschöpfungsketten, die Energie- und Kraftstoffpreisentwicklung mit den konsummindernden Effekten und die durch diese Faktoren auch aufkommende Gefahr einer weiteren weltwirtschaftlichen Krisensituation als größte Herausforderungen. Rainer Gallus stellte fest, dass diese aktuellen Trends derzeit alles überlagerten, allerdings die „Vorkrisenthemen“ wie Infrastruktur und Innenstädte nicht weniger wichtig geworden seien. Dr. Jana Burchard ergänzte als wichtige Aufgaben des Jahres 2026 für ihre Region die Themen Flächenvorsorge, Infrastruktur, Innenstädte und Wirtschaftspolitik allgemein. Insgesamt sei man leider ohne Schwung ins neue Jahr 2026 gekommen, eine Stimmungsaufhellung fehle. Für Rainer Gallus und Ralf Düster dauert in der Wirtschaftspolitik Vieles zu lange (Beispiel Entbürokratisierung) – gefragt nach ihren Zwischenfazits ein Jahr nach der Bundestagswahl.

Torsten Oldhues, Senior Director Distribution & Freight von HAVI Logistics, beschrieb die Handelslogistik als aktuell unter hohem Transformationsdruck. Durch einen hohen Regulierungsdruck, durch volatile Nachfrage, geopolitischen Unsicherheiten, fragile Lieferketten und Margendruck. Dabei sei die Food- und Systemgastronomie besonders exponiert. 2026 entscheide die Logistik maßgeblich über Versorgungssicherheit, Kosten und Nachhaltigkeitserzielung. In Sachen Klimaeffizienz und Wirtschaftlichkeit bestehe weiterhin ein Zielkonflikt. Ohne strukturelle Änderungen bliebe die Emissionsreduktion begrenzt. Hier verfolge HAVI Logistics das Emissionsziel „40 by 30“. Mit verschiedenen Maßnahmen im Fuhrpark (technologieoffen, z.B. HVO-Einsatz in den Niederlanden und Skandinavien, E-Lkw bei ausreichender Reichweite, Wasserstoff „pay per use“ in der Schweiz, Bio-LNG in Deutschland), in den Distributionszentren und in der Reverse-Logistik. In Sachen Versorgungssicherheit verbessere man die Resilienz durch Schritte wie erhöhte Sicherheitsbestände, nutzbare Contingency-Pläne für jede Art von Ausfällen, regelmäßige praktische Übungen, Definition von Ersatzartikeln aus Nachbarländern und eine systematische Absicherung gegen Volatilität und Disruptionen (Time-to-Recover).

In einer anschließenden Podiumsrunde schilderte Bastian Welsing, Director Distribution-Center E-Commerce & Logistics Excellence, ernsting’s family GmbH & Co. KG, als aktuell größte Herausforderung beim Mega-Trend Digitalisierung und KI die Automatisierung und Leitstände / Control Tower. André Wessels, GF Gesellschafter der August Wessels GmbH, sieht als nächsten Schritt den Einsatz von KI zur Entlastung der Disposition in Speditionen, damit diese mehr Zeit für die Kunden gewinnen. Bastian Welsing schildert eine seit ca. 2-3 Jahren zunehmende Dynamik in der Automation, da die Technologie insbesondere in Bezug auf Lageranwendungen günstiger geworden sei. Er beschrieb Umsetzungen bei ensting’s family insbesondere im E-Commerce-Bereich (u.a. Taschen-Sorter oder automatisches Kastenlager).

Als besondere Herausforderung bei der energetischen Transformation schildert Andre Wessels aus eigener Erfahrung die Herstellung leistungsfähiger Netzanschlüsse einschließlich Speicherung und Energie-/Lastspitzenmanagement. Eine Herausforderung seien trotz der aktuellen Dieselpreisexplosion auch die Energiepreise. Ziel müssten hier 25 – 28 ct / Kw beim Depotladen sein. Bei öffentlichen Ladesäulen rechne sich ein Preisniveau von 28-30 ct / Kw, so sieht dies auch Torsten Oldhues. Ob E-Mobilität konkurrenzfähig ist, entscheide sich nicht pauschal, sondern am jeweiligen logistischen Einzelfall. Torsten Oldhues wie Andre Wessels betonen, dass Fahrer nach ersten Erfahrungen mit E-Lkw diese nicht missen wollen. Nur wenige, so die einhellige Meinung, seien bislang bereit, für Transportlösung mit E-Mobilität mehr zu zahlen, allerdings sei der E-Lkw für eine zunehmende Zahl von Kunden interessant und nicht selten eine Vorgabe bei der Auftragsvergabe.

In einem Pitch zu „Innovationen in der Handelslogistik“ stellten sich Adrian Bühring, Co-Founder, Managing Director, Kompass360grad.de, und Simone Perschbacher, Solution Engineer Logistics, Klippa, als Innovationsträger vor. Adrian Bühring präsentierte das Produkt „Health Lean Management“. Simone Perschbacher stellte KLIPPA-Lösungen in Form von KI Tools zu den Themen „Human in the Loop“, Betrugserkennung, Beleg- und Rechnungsverarbeitung, Automatisierung von Zollanmeldungen, digitale Wareneingangsprüfung, Transportaufträge, Gefahrgutdeklaration und Wiegescheine vor.