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NetzwerkForum Stahl: Stahlbranche bereit für Dekarbonisierung mit Wasserstoff

Stahllogistik: Noch fehlende skalierbare und wirtschaftlich marktfähige alternative Antriebslösungen, für wettbewerbsneutrale CO2-Besteuerung und gegen Doppelanlastungen.

„Dekarbonisierung, Krise und danach – Quo Vadis Stahl und Logistik?“- so lautete das Thema des diesjährigen NetzwerkForums Stahl von Kompetenznetz Logistik.NRW und Verband Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen e.V. Pandemiebedingt trafen sich die Entscheider aus der Stahlindustrie, dem Stahlhandel, aus den Häfen und Seehäfen in Nordwesteuropa und den dortigen Umschlagsbetrieben, aber auch aus Schifffahrt und Eisenbahn erstmals digital in einer Videokonferenz.

Stefan Windgätter, Vorsitzender Fachausschuss Stahltransporte und -Logistik im VVWL NRW e.V. und Geschäftsführender Gesellschafter Windgätter & Sohn GmbH, betonte die Bereitschaft seiner Branche zur Dekarbonisierung. Im Gegensatz zum Stahl, der eine klare technologische Basis für die Transformation habe, fehlten derzeit aber etwa im Straßengüterverkehr skalierbare und marktfähige alternative Antriebstechnologien (Ausnahme: LNG/CNG). Erst recht vor diesem Hintergrund und der angesichts eher mittelständisch-flächenverteilter Strukturen seiner Branche seien die Dekarbonisierung und Investitionen dazu bei „10 Elefanten im Stahlbereich einfacher als bei den sehr vielen Ameisen des Transportsektors“. Gefragt sei technologisch vor Allem die Nutzfahrzeugindustrie. Die Folge fehlender massenhaft marktreifer alternativer Antriebslösungen gerade im schweren und Fernverkehrsbereich sei, dass Transport und Logistik der nationalen CO2-Besteuerung im wettbewerbsverzerrenden Unterschied zu gebietsfremden Flotten nicht ausweichen können. Im Ergebnis komme es so zu reinen Verteuerungen und bis auf weiteres zu keinen Emissionsminderungen und Lenkungseffekten pro Umwelt.

Im Zuge der aktuellen Beratungen zur „Carbon Leakage-Verordnung“ auf Bundesebene, der CO2-Komponente in der Bundesstraßenmaut ab 2023 sowie der europäischen Ansätze zum „Green Deal“ / zur Eurovignetten-Richtlinie sei es wichtig zu vermeiden, dass es dann sogar noch zu einer Doppelanlastung für deutsche Unternehmen wegen der nationalen CO2-Besteuerung und einer Nichtaufnahme des Sektors in die nationale „Carbon Leakage Verordnung“ komme. Hier sei eine Kompensation dringend erforderlich. Man habe sich schon vor Einführung der CO2-Besteuerung für eine alleinige Regelung über die wettbewerbsneutrale Lkw-Maut ausgesprochen.

Stefan Windgätter appellierte im NetzwerkForum Stahl insbesondere an Mona Neubaur, Vorsitzende Bündnis 90 / Die Grünen Nordrhein-Westfalen. Mona Neubaur hält aber letztlich an der CO2-Besteueruung fest, kann sich eine alleinige Mautlösung nicht vorstellen. Allerdings sähe sie die Organisation eines „Lastenausgleichs“ als eine große Aufgabe, es gelte nicht zu überfordern. Dr. Jürgen Harland, Leitung Logistik und SCM Salzgitter Flachstahl GmbH, verwies in Bezug auf CO2-Emissionen und Dekarbonisierung auf den schon immer hohen Anteil klimafreundlicher Verkehrsträger wie der Schiene im Verkehrswesen der Stahlindustrie und von Salzgitter Flachstahl. Allerdings gehe es ohne den Lkw nicht.  Einig war sich Dr. Martin Theuringer, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahl, mit den beiden anderen Vertretern der Stahlindustrie, Gerrit Riemer,  Leiter Governmental and Corporate Affairs Communications thyssenkrupp Steel Europe AG, und Dr. Jürgen Harland, wie entscheidend  die Stahlindustrie zur Erreichung der CO2-Reduktionsziele ist. Sie trage immerhin mit 30%-Punkten zu den gesamten CO2-Industrieemissionen bei (2018 = 58,4 Mio. t CO2). Die Stahlindustrie sei zur Transformation als zu wählende Strategie bereit. Man wolle bis 2030 substantielle CO2-Reduktionen von 30% gegenüber 2018 auf den Weg bringen und bis 2050 klimaneutral sein. Die zentralen Technologien für eine klimaneutrale Stahlproduktion ständen bereits zur Verfügung.

Mona Neubaur zeigte sich positiv beeindruckt von den Zielen und Aussagen der Stahlindustrie zur Dekarbonisierung. Es gelte gerade für die aktuelle Bundesregierung schon längst, mit den politischen Umsetzungen Fahrt aufzunehmen. Hier werde zu wenig und zu zögerlich gehandelt. Befragt zum Stellenwert von Güterverkehr und Logistik räumte Mona Neubaur ein, dass im Wahlprogramm von Bündnis 90 / Die Grünen für die Bundestagswahl 2021 viel zu Eisenbahn und Fahrrad aber wenig hierzu stehe. Man setze im Güterverkehr auf regionale Wirtschaftskreisläufe, die Chancen der Digitalisierung und Vernetzung bei der Organisation der Logistik und wolle mehr Güter mit der Bahn transportieren. Man wolle die Kombination von Straße und Schiene sowie Straße und Wasserstraße mit Investitionen ertüchtigen. Zusammen mit ambitionierten CO2-Flottengrenzwerten und der Förderung klimafreundlicher Antriebe werde auch der Lkw absehbar emissionsfrei.

Dr. Martin Theuringer warf ein teils hoffnungsvolles, teils aber auch differenziertes Bild auf die aktuelle deutsche, europäische und weltweite Stahl-Branchenkonjunktur und ihre Perspektiven. Zwar sei seit Jahresbeginn eine spürbare Belebung der Stahlkonjunktur festzustellen, aber die aktuelle temporäre Erholung sollte nicht den Blick dafür verstellen, dass weiterhin erhebliche strukturelle Verwerfungen auf den internationalen Stahlmärkten bestehen. Hierzu zählten die globalen Überkapazitäten, die sogar in der Krise noch zugenommen haben, und die sogenannten „Umlenkungen“ durch die weiter bestehenden US-Stahlzölle. Weltweit sei eine „asymmetrische Erholung von der Krise festzustellen, mit Vorteilen für Länder wie China und USA. Die EU insgesamt dürfte nach seiner Meinung erst in 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen. In Deutschland seien wichtige Kundenbranchen der Stahlindustrie zwar wieder ansteigend. Diese seien aber gegenüber der Vorkrisenzeit noch immer auf niedrigerem Niveau, die Rückgänge aus 2020 würden sich hier 2021 noch nicht wieder ausgleichen. Die Zuwächse der Stahlnachfrage seit Jahresbeginn seien nicht zuletzt auch ein „Lagereffekt“. In der Krise hätten viele Unternehmen ihre Bestände – wie auch ihre Produktion - heruntergefahren, jetzt im Zuge der Produktionsbelebungen müssten diese wieder aufgefüllt werden. Letzteres vollziehe sich angesichts von Störungen in den Lieferketten nicht ohne Probleme. Gemessen an den gleitenden Monatsdurchschnittswerten (annualisiert) der Rohstahlproduktion hat die Corona-Pandemie in 2020 zu einem erheblichen Rückgang der Mengen gegenüber 2019 geführt (um 10%).

Gewarnt wurde auf Seiten der Stahlindustrie vor einer sogenannten „Carbon Leakage Strategie“ in der Stahlindustrie, d.h. einem im eigenen Land CO2-emissionssenkenden Verzicht auf  Stahlproduktion im eigenen Land / in der EU und deren Ersatz durch (in der Regel klimaschädlichere) Stahlproduktionen aus Drittländern. Berechnungen der Prognos AG hierzu ergäben nicht nur steigende Klimaschäden, sondern auch 114 Mrd. € Wertschöpfungsverluste und 200.000 Arbeitsplatzverluste in der gesamten deutschen Wirtschaft. Die Stahlindustrie sei zur Transformation als zu wählende Strategie bereit und wolle bis 2030 substantielle CO2-Reduktionen von 30% gegenüber 2018 auf den Weg bringen. Die zentralen Technologien für eine klimaneutrale Stahlproduktion stehen zur Erreichung des Ziels zur Verfügung, so Dr. Theuringer und Gerrit Riemer. Dabei sei Wasserstoff der Schlüssel für eine klimaneutrale Stahlerzeugung bis 2050. Durch den steigenden Einsatz von wasserstoffreichen Gasen wie Erdgas und reinem Wasserstoff könne im Zeitraum heute bis 2030 bereits die CO2-Intensität bei der Rohstahlerzeugung um 30% gesenkt werden. Anschließend in der Phase 2030 bis 2050 komme man durch den am Ende umfassenden Einsatz von klimaneutralem Wasserstoff zur Klimaneutralität.

Einig waren sich Dr. Martin Theuringer und Gerrit Riemer, dass eine erfolgreiche Transformation der Stahlproduktion einiges an politischen Rahmenbedingungen und auch eine finanzielle Unterstützung des Transformationsprozesses der Stahlindustrie bedürfe. Sie verwiesen hierzu auf das von der Bundesregierung vorgelegte Handlungskonzept Stahl und die Vorschläge der deutschen Stahlindustrie. Dies betreffe auch den „Green Deal“ der EU und die dortigen Punkte „Vorschlag zu CO2-Grenzausgleich und „Prüfung Leitlinien staatliche Beihilfen“.  Damit das Ziel bis 2030 erreicht werden könne, müsse angesichts des zeitlichen Vorlaufs der politische Rahmen bereits heute so gesetzt werden, dass Investitionsentscheidungen der Unternehmen für CO2-arme Verfahren getroffen werden können. Der stufenförmige Weg zur Klimaneutralität werde sich voraussichtlich bis in die 2040-er Jahre erstrecken. Bis dahin müsse auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der konventionellen Technologien abgesichert werden. Eine Herausforderung sei noch die Bereitstellung von ausreichenden Mengen an Wasserstoff. Bereits 2030 übertreffe der Bedarf allein der Stahlindustrie (ca. 0,6 Mio to.) die gemäß nationaler Wasserstoffstrategie im Jahr 2030 zur Verfügung stehende grüne, klimaneutrale Wasserstoffproduktion von 0,42 Mio to., und 2050 habe die Stahlindustrie einen Bedarf von 2,2, Mio to.
Gerrit Riemer verdeutlichte anhand von thyssenkrupp Steel Europe die Wasserstoff-Transformationsstrategie des größten deutschen Stahlherstellers. Man wolle bis 2030 jeweils minus 30% CO2-Emissionen aus Produktion und Prozessen im eigenen Unternehmen oder aus Bezug von Energie und bis 2050 Klimaneutralität erreichen. Der Transformationsprozess bei thyssenkrupp Steel Europe in Duisburg erreiche ab 2024 mit einer großtechnischen Direktreduktionsanlage (DR), die perspektivisch mit grünem Wasserstoff betrieben wird und Eisenschwamm produziert, der wiederum zunächst in den Hochöfen verarbeitet wird, einen ersten Meilenstein. Mit einem neuen, strombetriebenen Schmelzaggregat werde ab 2026 das Roheisensystem optimiert, in dem der Eisenschwamm aus der DR-Anlage so für das Oxygenstahlwerk verflüssigt wird und damit ein erster kohlebasierter Hochofen ersetzt werden könne. Ab 2030 werde mit einer zweiten, größeren DR-Anlage und einem weiteren Einschmelzer der nächste kohlebasierte Hochofen ersetzt. Bis 2050 werde mit dann insgesamt vier DR-Anlagen und in Summe vier Einschmelzern der Stahl klimaneutral hergestellt.

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